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Professionelle Begleitung

Gesellschaftlicher Hintergrund

Im Jahre 2006 sind laut Statistischem Landesamt 17 653 Menschen in Berlin verstorben und somit gibt es in dieser Stadt mindestens ebensoviel trauernde Menschen. Bei dieser hohen Anzahl von Todesfällen ist es immer wieder verwunderlich, wie wenig Sprache und Ausdruck der Tod in unserer Gesellschaft findet.

Wenngleich also Trauer eine Selbstverständlichkeit des menschlichen Lebens ist, wird dieses  Thema weitgehend tabuisiert; ob das damit zu tun hat, dass der trauernde Mensch uns ganz besonders deutlich die dunkle Seite des Todes vor Augen führt?

Trauer betrifft andere, hat mit einem selbst nur von ferne zu tun. Außenstehende vermeiden den Kontakt mit Betroffenen, weil sie sich hilflos im Umgang mit ihnen fühlen. Für Trauernde ist nichts mehr so wie es war und sie stehen vor der Aufgabe, sich eine neue Lebensform schaffen zu müssen, die ohne den Verstorbenen gelebt werden kann.

Da die Familie und der Freundeskreis oftmals nicht mehr in der Lage ist, trauernde Menschen zu unterstützen, haben sich in den letzten Jahren immer mehr Selbsthilfegruppen gebildet.

 

Was ist Trauer

Das Wort Trauer kommt ursprünglich aus dem Althochdeutschen trure, das heißt die Augen senken. Das kann damit zu tun haben, dass der Trauernde sich ganz in sich selbst zurückzieht und den bisherigen Kontakt und Bezug zur Außenwelt verliert, wofür das Niederschlagen der Augenlider Symbol sein kann.

Trauer ist ein individueller Prozess; von daher ist die Ausdrucksform bei jedem Menschen auch ganz unterschiedlich. Jeder muss seinen eignen Weg  für die Bewältigung und Auseinandersetzung damit finden.

Es gibt unterschiedliche Erklärungsmodelle, wie Trauerprozesse eingeordnet werden können. Jorgos Canacakis, der griechische Psychotherapeut schreibt, „Trauer ist eine spontane, natürliche, normale und selbstverständliche Antwort unseres Organismus auf Verlust“.(J.Canacakis, 1988, Seite 28)

Lily Pincus betrachtet Trauer als eine wichtige Reaktion auf den Tod eines Menschen, die, wenn sie nicht zugelassen wird, in physischem oder psychischem Leiden zum Ausdruck kommen kann.

William Worden vergleicht den Trauerprozess mit dem körperlichen Heilungsprozess nach einer schweren Verwundung. In diesem Prozess sieht er bestimmte Aufgaben, die gelöst werden müssen, um eine Weiterentwicklung des einzelnen Menschen zu ermöglichen.

Verena Kast beschreibt z. B. einen phasenhaften Verlauf der Trauer, wobei die einzelnen Phasen nicht nacheinander abgeschlossen werden, sondern ineinander übegreifen, sich  überlappen.

C. Parkes bezeichnet die Erfahrung von Tod, insbesondere den Tod eines kleinen Kindes, als den stärksten Stress, der einem Menschen überhaupt wiederfahren kann.

Trotz unterschiedlicher Ansätze machen aber alle eine gleiche Aussage, dass Trauer eine der intensivsten, emotionalen Erfahrungen im Leben eines Menschen ist, und der Trauernde in seiner ganzen Person gefordert ist um diese Trauer zu verarbeiten.

 

Wie drückt sich Trauer aus?

Der Ausdruck der Trauer eines einzelnen Menschen und damit verbunden auch die Bewältigung der Trauer, hängt stark mit seiner Lebensgeschichte und seinen Erfahrungen zusammen.

Es gibt unterschiedliche Faktoren, die Einfluss aus das Erleben des Verlustes haben:

     

  • Wer ist gestorben (Kind, Partner, Großeltern etc.)
  • Wie war die Beziehung?
  • Todesart (Unfall, lange Krankheit, Suizid etc.)
  • Materielle Situation (treten durch den Tod finanzielle Probleme auf, die Grundbedürfnisse der bisherigen Lebensqualität einschränken?)
  • Verhalten der Umwelt?

 

Die Symtome von Trauer sind vielfältig und geschehen auf unterschiedlichen Ebenen.

Zu den psychischen Symtomen können gehören:

     

  • Zorn (auf den Verstorbenen, dass man allein gelassen wurde; auf sich selbst, dass man nicht mehr für den anderen getan hat, nicht intensiver mit ihm gelebt hat.
  • Traurigkeit, bis hin zu Depression
  • Angst (sich nicht mehr in der Welt zurechtfinden können; Angst bezogen auf die eigene Sterblichkeit)
  • Schock, Starre (verstärkt erlebt bei einem pötzlichen Todesfall)
  • Sehnsucht (den anderen zurück haben wollen)
  • Einsamkeit (oft bedingt durch eine enge Beziehung, die wenig Außenkontakte hatte).
  • Befreiung/Erleichterung (z.B.bedingt durch schwere Pflege des verstorbenen).

 

Physische Symtome können sein:

     

  • Leeregefühl im Magen
  • Brustbeklemmungen/Atemnot
  • Muskelschwäche
  • Schlaflosigkeit
  • Energiemangel
  • Überempfindlichkeit auf Lärm
  • Mundtrockenheit
  • Verspannungen
  •  

Auch Verhaltensweisen können sich verändern, was für Außenstehende, aber auch für die Trauernden selbst, oft fremd und mit Ängsten besetzt ist. Dazu gehören:

     

  • Geistesabwesendes Verhalten
  • Soziales sich zurückziehen (nicht nur auf Menschen bezogen, sondern auch auf Teilnahme am Geschehen in der Welt)
  • Seufzen (bedingt durch das Gefühl der Beklemmung)
  • Erinnerungen an den Verstorbenen vermeiden (zu schnelles Weggeben persönlicher Dinge des Verstorbenen; schneller Umzug)
  • Suchen und rufen nach dem Verstorbenen
  • Halluzinationen

Wenn man dem trauernden Menschen die Möglichkeit und Erlaubnis gibt all das auszudrücken, was innerlich geschieht,  kann der Trauerprozess lebendig seinen Weg suchen, und der Trauernde in eine neue Lebenssituation hineinwachsen.

Schafft man aber diese Möglichkeit der Verarbeitung nicht, kann es zu wirklichen Krankheitssymtomen kommen, die sich im Körper manifestieren.

Wir sprechen dann von pychomatischen Beschwerden. Diese können sein:

     

  • Herz- Rhythmus-Störungen
  • Magenbeschwerden (Gastritis)
  • Atembeschwerden (Asthma, Bronchitis)
  • Spannungskopfschmerz (Migräne)
  • Verdauungsprobleme
  • Schwindel
  • Krebs (Stressfaktor)
  • Augenprobleme (erhöhter Augendruck)
  • Tinitus
  • Hautprobleme
  • Schlafstörungen mit medikamentöser Abhängigkeit.

 

 

Warum ist eine Begleitung von Trauernden wichtig?

 

Aufgrund der schwerwiegenden Erkrankungen die ausgelöst werden können, wenn ein Trauerprozess nicht verarbeitet werden kann, ist es besonders wichtig, trauernde Menschen zu begleiten.

Die Trauergruppen geben eine Möglichkeit mit anderen Betroffenen zusammen zu sein, mit ihnen zu sprechen und sich mit den unterschiedlichen Erfahrungen in der Trauer auseinander zu setzen. Es ist eine Basis da, die jeden einzelnen tragen kann. Die Gruppe verfügt über einen enormen Erfahrungsschatz, die Einzelnen können voneinander lernen, sich austauschen oder auch abgrenzen und immer mehr zu dem finden, was ihrer individuellen Situation und ihrer persönlichen Eigenart entspricht. Sie wissen wovon der andere spricht. Dieses gemeinsame Erleben gibt Stärke und kann neue Idee zur Bewältigungsstrategie frei setzen und somit den Trauerprozess heilsam und gesund abschließen.

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17