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Halt auf freier Strecke

Regie: Andreas Dresen Deutschland 2011

 

Das Leben gleicht einer Reise mit vielen Stationen: Man beginnt sie in der festen Annahme, am Ende das Ziel zu erreichen. Das Ziel kennt viele Namen: Haus, Familie, Erfolg, Sicherheit, Glück, und vor allem, ein hohes Alter. Doch was, wenn die Fahrt plötzlich auf halber Strecke endet? Wenn der nächste Halt schon die Endstation ist?

Frank Lange (Milan Peschel), Mitte 40, Familienvater, bekommt die Diagnose Gehirntumor. Extrem bösartig. Inoperabel. Lebenserwartung: ein paar Monate. Damit beginnt der Film.

 

Die Kamera verharrt auf den Gesichtern von Frank und Simone Lange (Steffi Kühnert), auf denen die furchtbare Nachricht allmählich ihre Spuren hinterlässt: Tränen, Ungläubigkeit, Verzweiflung. Dresen zeigt auch die andere Seite: den Arzt, der die Nachricht übermittelt und dem es sichtlich nicht leicht fällt. Er spricht leise, gerät selbst ins Stocken, lässt Pausen, fragt nach den Kindern und weiß auf die Fragen der Langes oft nichts weiter als ein „Hm“ zu antworten. Der Arzt spricht ein Todesurteil aus. Und an dessen Wahrheit zweifelt der Film nicht. Die Frage ist also nicht, ob, sondern wie gestorben wird. Und vor allem, wie sich Sterben in Würde, in Liebe und inmitten der Gemeinschaft der Familie, vollziehen kann.

Vorerst zeigen sich bei Frank keine Krankheitssymptome. Noch wechseln Familienszenen in hellen Räumen - der Küche, dem Wohnzimmer - mit Sequenzen tiefer Verzweiflung und Einsamkeit im dunklen Schlafzimmer, in das sich Frank und auch Simone immer öfter zurückziehen (müssen). Noch zeigt der Blick vom Balkon des gerade neu erworbenen Einfamilienhauses auf eine weite, schöne Landschaft und nicht, wie später, auf eine kargen Winterort mit kahlen Bäumen. Im Kontrast zwischen dem, was man sieht, und dem, was man weiß, dass man es noch sehen wird, liegt die quälende Spannung des Films. - Wären da nicht die Besuche von Franks Eltern, ihre unterdrückte Anspannung oder das plötzliche Weinen Franks am Küchentisch inmitten der Familie.

Ein gemeinsamer Ausflug ins Freizeiterlebnis „Tropical Islands“ wird zur Zäsur des gewohnten Miteinanders. Die einsetzenden Krankheitssymptome sind das eine, doch die Einsicht, wirklich krank und damit in immer neuen Lebensbereichen auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, wird zur eigentlichen Zerreißprobe der Familie.

 

Woody Allen hat einmal gesagt: „Es ist nicht, dass ich Angst zu sterben hätte, ich möchte nur einfach nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Doch genau das zeigt der Film auf detaillierte und realistische Weise. Station für Station bemächtigt sich der Krebs eines ganzen Menschen: seines Körpers und seines Geistes.

Ist es vorerst eine Gebrauchsanweisung, die Frank nicht mehr verstehen kann, so findet er sich plötzlich im eigenen Haus nicht mehr zurecht, verwechselt das Zimmer seiner Tochter Lilly (Talisa Lilly Lemke) mit der Toilette. Irgendwann wird der Gang zum nächsten Bäcker fast ein lebensgefährliches Unterfangen, irgendwann kann er ohne fremde Hilfe kaum noch laufen. Und dann steht plötzlich ein Rollstuhl mitten im Wohnzimmer. Da hat Frank Lange die Orientierung schon verloren: in seinem Haus, in seinem Leben. Er tut das, was alle an seiner Stelle täten: Er wehrt sich und schreit „Raus damit. Ich brauche keinen Rollstuhl!“. Und während Frank protestiert, lässt ihn seine Krankheit ungerecht gegen die Menschen werden, die ihn umgeben und pflegen: seine Familie. Und hier bewahren gerade die Kinderfiguren den Film davor, ins Weinerlich-Kitschige abzurutschen. Ohne Pathos, aber mit Empathie, ohne Rührseligkeit, aber mit Sensibilität behandeln sie ihren Vater bis zum Schluss ganz selbstverständlich. Richten ihr Leben auf ihn ein, ohne ihren gewohnten Alltag zu unterbrechen. Dabei gehen Tragik und Komik oft fließend ineinander über, etwa, wenn der Sohn Mika (Mika Nilson Seidel) seinen von der Krankheit gezeichneten und bereits verwirrten Vater, der in spärlicher Kleidung draußen auf der schneebedeckten Wiese steht, zurück ins Haus zieht, ja fast zerrt. Und der Vater dem Sohn dabei kaum noch folgen kann, ins Stolpern gerät und einfach weitergezogen wird. Dann mutet das durchaus chaplinesk an, mit einem Hauch von bitterem Slapstick.

Ein iphone gibt dem Film einen visuellen und erzählerischen Rahmen. Mit ihm nimmt sich Frank auf, spricht, spielt Gitarre, schweigt und dokumentiert so Etappe für Etappe seiner Krankheit. Es ist ein Akt der Selbstvergewisserung, ein Versuch, der Zeit und der gewusst nahen Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen. Es ist schlicht alles, was dann noch von Frank Lange zeugt.

Es ist aber nicht ein bloßer Spiegel oder ein Testament. Das Display des iPhones wird zur Schwelle, auf dem die Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Realität und Surrealität verschwimmen. Und damit spielt der Film in einigen absurden Momenten. So tritt plötzlich der Gehirntumor von Frank Lange (Thorsten Merten) als Gast in der Harald-Schmidt-Show auf oder erscheint später sogar als Franks Spiegelbild im Display. Der Tumor, also der Tod, erhält so ein Gesicht. Und das ist eher freundlich, manchmal witzig, oft ruhig.

 

Der Film zeigt natürlich auch die Totentänze, das Aufbegehren gegen das Finale: im Trinkrausch mit der Mutter Simones (Ursula Werner), beim Frisieren und dann schließlich Kahlrasieren, der durch die Behandlung bereits ausfallenden Haare, und nicht zuletzt im Akt des Begehrens zwischen Frank und Simone, die auf dem Sterbebett nochmals miteinander schlafen.

 

„Halt auf freier Strecke“ ist ein Film, der Menschen jeden Alters berühren dürfte: nicht zuletzt deshalb, weil er durch seine Protagonisten alle Altersschichten zeigt. Erzählt wird von einer unfassbaren Tragik, die dabei oft auch unfreiwillige Komik bereithält. Er lässt ein großes existenzielles Drama inmitten des kleinen Familienalltags stattfinden. Und darin liegt die Hoffnung des Films: das sich Sterben in Würde, in Liebe und inmitten der Gemeinschaft, der Familie, vollziehen kann.

 

David Lode ehrenamtlich für die ZAH

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17