Unionhilfswerk Zentrale Anlaufstelle Hospiz
3 Besucher online 20. September 2019, 17:43 Uhr beraten betreuen bewegen

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2009

 

„Ich schaue aus dem Fenster und staune.“ …

 

Es ist schwierig, dieses Buch vorzustellen. Für diejenigen, die mitten im Leben stehen, könnte es befremdlich sein, einen so persönlichen Einblick in die Gefühlswelt- und Gedankenwelt eines schwerkranken Künstlers zu erhalten. Menschen, die selbst krank sind, könnten sich verstanden und angeregt fühlen, aber auch angestrengt und gedrängt, sich in einer bestimmten Weise mit Krankheit und Leid auseinanderzusetzen … Schlingensief fordert noch mehr. Er bezieht daneben auch die Nahestehenden mit ein, „Nicht der Leidende ist der, der eine Prüfung macht, sondern der der auf den Leidenden trifft…“

Der Autor war ein bekannter Aktionskünstler und Theaterregisseur, der im Alter von 47 Jahren schwer an Krebs erkrankt. Mit seinem Buch teilt er sich in dieser ihm neuen Lebenssituation mit und entlastet sich, will aber auch etwas „gegen die Verdummung“ tun Er zeigt sehr konkret, wie es ist, krank zu sein und beschreibt die Situation in unseren Krankenhäusern sehr kritisch. Er fragt an, warum so wenig geredet wird. Man könnte doch, würde man einbezogen, besser mittun und mitgestalten. Er setzt sich auch mit seinem „angelernten“ katholischen Glauben auseinander und findet immer wieder Antworten und eigene Definitionen. Maria vermittelt ihm Liebe, Geborgenheit und Schutz, Jesus hat das Leidwesen in die Welt gebracht und Gott verbindet das „Ganze“ … „und ich will mir klar machen, dass wir erst, wenn wir uns fallen lassen, die Freiheit erfahren, die wir haben…sehr kompliziert …Aber eins ist klar, ich bin kein Atheist … und ich brauche es konkreter. Mit Maria, Jesus und Gott, mit diesen dreien möchte ich auf alle Fälle weiterleben.“

Mal gehalten von einer unerschütterlichen Hoffnung, dann wieder fallen

gelassen von der Angst, sterben zu müssen, beschreibt er sein Zerrissensein zwischen der Welt des Leidens mit seiner ungeschminkten Realität und der Welt der Hoffnung. Er kann sie sehr gut nachvollziehbar machen und so dem Gegenüber helfen, sich auf ebendiese Zerrissenheit einzustellen, wenn er einem schwerkranken Menschen begegnen würde. „Dass ich Krebs habe, das ist Scheiße … warum das so ist, weiß ich nicht. … Ich will mich … lieber fallen lassen. Ich muss aufpassen, dass ich mich in diesem … Gedankenwald nicht verirre, der auf der einen Seite so angenehm schimmert und auf der anderen Seite nur Dornen hat. Denn egal wohin ich mich bewege, ich bin immer auf der falschen Seite. Über das Schöne kann ich mich nicht richtig freuen, weil ich immer an die Dornen denke, und wenn ich bei den Dornen bin, dann bleibt nur die Sehnsucht nach dem Schönen.“

 

Der Leser erlebt neben dem Beginn der Krankheit und der Behandlung, Schlingensiefs Suche nach einem Sinn auch die Suche nach einem Gehaltenwerden in seinem sozialen Umfeld. Er prüft, ob seine Beziehungen stabil sind. Und er erkennt auch, wie groß sein eigener Anteil dabei ist.

„Wenn es mich besonders quält, dann male ich mir aus, dass A. irgendwann nicht mehr da sein kann. Dann unterstelle ich, dass sie weg ist … Dabei weiß ich gleichzeitig, dass sie das mit mir zusammen durchstehen will und dass es auch an mir liegt, ob sie bleibt.“ Möglicherweise ist dieses Buch vor allem für Angehörige geschrieben.

 

Es sind die Widersprüche, die sehr zu Herzen gehen, vielleicht ist es der einzige Weg, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen? Schlingensief bleibt authentisch und zeigt sich in seiner ganzen Verletzlichkeit mit all seinem Protest als Mensch.

 

Es ist ein Buch, dass erschüttert, dass schonungslos zeigt, wie begrenzt das Leben ist, aber auch wie sehr man das Leben in diesen engen Grenzen lieben kann. Am Ende lässt es den Leser, der durchgehalten hat, ruhig und getröstet werden. Schlingensief starb am 21. August 2010 an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung.

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17