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Walter Jens, Hans Küng:<br> Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung

 

Erschienen 1995 bei Piper in München

220 Seiten, ISBN: 3-492-03791-7 (liegt im selben Verlag auch in neueren Ausgaben vor)

 

Der Theologe Hans Küng und der Literaturwissenschaftler Walter Jens luden 1994 in der Universität Tübingen zu einer gemeinsamen Veranstaltung zum Thema Würdevolles Sterben. Dieses Buch entstand auf der Grundlage ihrer Vorlesungen, derer des eingeladenen Tübingener Kinderarztes Dietrich Niethammer und des Freiburger Völkerrechtlers Albin Eser und einer abschließenden Podiumsdiskussion.

Das Thema des Buches ist kein leichtes: Es geht um würdevolles Sterben im Zeitalter moderner Medizin, vor allem aber um aktive Sterbehilfe. Alle Beteiligten sehen ein Hindernis der Menschenwürde darin, dass Menschen lang bewusstlos oder mit unerträglichen Schmerzen und ohne Hoffnung auf eine Rückkehr ins Leben gegen ihren Willen nicht sterben können. Würde setzt Selbstbestimmung voraus und das gilt, betont Hans Küng, nicht nur im Leben, sondern auch an seinem Ende. Für ihn und auch für Jens ergibt sich daraus eine klare Position für die Legalisierung der Sterbehilfe. Von ähnlichen Grundsätzen gehen auch Eser und Niethammer aus, konzentrieren sich aber auf die rechtliche und medizinische Umsetzbarkeit solcher Forderungen und stehen der Legalisierung aktiver Sterbehilfe skeptischer gegenüber. Der Arzt Dietrich Niethammer erinnert, worauf auch Küng großen Wert legt und was Jens mit seiner Darstellung der poetischen Beschäftigung mit dem Sterben ebenfalls im Sinn hat: „In Menschenwürde sterben lassen, ist eine Aufgabe, zu der wir alle aufgerufen sind.“ (S.145) Alle, nicht nur die Mediziner und auch nicht in Reduktion auf den „Gnadentod“, sondern mit einem gesellschaftlichen Wandel im Verhältnis zu sterbenden Menschen, die Unterstützung brauchen. So ist der Kontext des Themas aktive Sterbehilfe, die Frage nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen menschenwürdigen Sterbens, von allen Beitragenden, vor allen aber auf den ersten Seiten Küngs Ausführungen, präsent.

Das Gespräch zwischen Menschen verschiedenster Disziplinen, die nicht nur, aber alle auch, als Menschen sprechen, die über ihre eigene Zukunft nachdenken, prägt das Buch. Auf der anderen Seite ist es aber nicht nur ihr eigenes Sterben, das ihnen als Hintergrund dient, sondern auch ihre persönliche und berufliche Erfahrung mit dem Sterben: Der Geistliche und der Kinderarzt berichten von ihren Erlebnissen mit Sterbenden, letzterer spricht auch über die Sorgen eines Arztes, der Literaturwissenschaftler greift auf 2500 Jahre Sterben in der Weltliteratur zurück und der Jurist weiß um die Verantwortung und Grenzen der Rechtsprechung. Alle Vortragenden treten als betroffene Wissenschaftler und als betroffene Menschen auf und in Diskussion. Keiner bleibt in den Grenzen seiner Disziplin und fester Meinungen gefangen.

Menschenwürdig sterben ist ein sehr empfehlenswertes Buch für erwachsene Leser, die sich mit Sterbehilfe im weitesten Sinn und speziell mit aktiver Sterbehilfe auseinandersetzen. Es kann als Denk- und Diskussionsgrundlage dienen, nicht aber als Ratgeber und kaum zur Informationsbeschaffung (die rechtlichen Vorgaben haben sich z.T. verändert!). Als ein Buch der Diskussion und wegen des ständigen Rückbezuges auf die allgemeine Frage nach dem Sterben setzt es beim Leser keine bestimmte Position hinsichtlich aktiver Sterbehilfe voraus und ist auch für sie Ablehnende interessant. Vor allem der Vortrag von Hans Küng bietet einen sehr allgemeinen und emphatischen Zugang zum Sterben überhaupt. In Jens’ Text kommt zusätzlich der speziell literaturwissenschaftliche Zugang zur Geltung. Die Beiträge Niethammers und Esers sind, ohne die menschlichen Fragen aus den Augen zu verlieren, dem Thema fachlicher Umsetzung gewidmet (Medizin und Pflege / Rechtswissenschaft). Die abschließende Diskussion bietet einen guten Überblick über die einzelnen Positionen.

Die sprachliche Schwierigkeit der Texte unterscheidet sich aufgrund der unterschiedlichen Themen und der Vortragenden. Küng und Niethammer sind recht leicht zu lesen, Jens zuweilen umständlich und Eser aufgrund der juristischen Materie etwas komplizierter. Grundsätzlich sind aber alle um eine zugängliche Ausdrucksweise bemüht, sodass sich das Buch für jeden geduldigen, an argumentierenden Texten interessierten Leser lohnt.

 

Eine Neuauflage des Buches von 2009 enthält ein Nachwort, das Inge Jens angesichts der Demenz ihres Mannes Walter Jens verfasst hat. In ihm schildert sie die Schwierigkeit, aus den Übereinkünften, die beide getroffen haben, für die jetzige Situation eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sie mit der Krankheit ihres Mannes umgehen soll. Sie zweifelt nicht daran, dass er in seiner geistigen Verwirrung ein unwürdiges Lebensende gesehen hätte. Und sie sieht auch, dass er leidet. Aber legitimiert das, sein Leben für lebensunwert zu erklären? Die Begriffe „lebenswert“, „Würde“ und „Glück“ erhalten in der neuen Situation eine neue Bedeutung. Das Nachwort von Frau Jens gibt keine Antworten, zeigt aber, dass vieles viel weniger eindeutig ist, als es scheinen könnte.

 

Philipp Bode (freiwilliger Mitarbeiter der ZAH)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17