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Tilman Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater

Gütersloher Verlagshaus

2009 erschienen, 143 Seiten, ISBN: 978-3-579-06998-2

 

Tilman Jens, Journalist, Autor und Sohn des Gelehrten Walter Jens, nimmt in diesem Buch Abschied von seinem seit einigen Jahren dementen Vater. Mit dem geistigen Verfall des zu den großen Intellektuellen Deutschlands gehörenden Schriftstellers und Wissenschaftlers setzt sich sein Sohn hier auseinander. Das Buch beinhaltet jedoch nicht die chronologisch erzählte Geschichte von Walter Jens’ Krankheit, sondern den Versuch, sie zu verstehen und in der Bedeutung für die Beteiligten zu fassen. So geht es auch um den Sohn selbst und die Frau des alten Mannes, die Schriftstellerin Inge Jens. In großen Teilen des Buches wird aber Bezug genommen auf die Vergangenheit von Walter Jens, die geistige, aber auch die als Vater und Familienmensch und schließlich als Parteimitglied der NSDAP. Letztere Perspektive nimmt viel Platz ein und führt Jens zu einer streitbaren These. Doch auch andere Gesichtspunkte sind erwähnenswert.

 

Die Beschreibung des verwirrter werdenden Mannes, seiner Leiden und der Anforderungen, die seine Krankheit an die Familie, besonders an seine Frau, stellt, ist der Hintergrund der sehr persönlichen Auseinandersetzung des Sohns mit seinem Vater. Dass ein Literat mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis Sprache und Erinnerungsvermögen verliert, mag besonders grausam anmuten. Der Identitätsverlust trifft aber nicht nur große Geister, sondern ist ein Symptom von Demenz und Alzheimer. Die genaue Beschreibung der einzelnen Vorgänge, Sym¬ptome und der sich verändernden Situation der Eltern, die der Journalist Tilman Jens regel¬mäßig besucht, wird in die Reflexion eingebunden und immer wieder aufgerufen, erscheint oft aber eher schlaglichtartig.

 

Untrennbar von der Beschreibung der Personen ist die des berufstätigen Walter Jens, der sein Privatleben immer öffentlich gemacht hat und es in Büchern, Artikeln und Vorträgen verar¬beitete. Diese öffentliche Person, einen Prominenten, sucht ein sehr menschliches, alltägliches Schicksal heim. Aber dieser Prominente kämpft auch mit Problemen, die viele nicht haben, etwa mit dem Publikum und den Veröffentlichungen. Dagegen kann sich seine Familie gute Pflege und medizinische Experten leisten, was sie wiederum von vielen unterscheidet.

 

Als Privatmensch und Denker war Walter Jens ein vehementer Verfechter des Rechts auf aktive Sterbehilfe und hätte seinen Zustand Jahre zuvor für unerträglich gehalten. Die Problematik Sterbehilfe, die große Verantwortung der Familie und die Erfahrung, dass theoretische und vorausblickende Einstellungen in ganz anderem Licht erscheinen, wenn man selbst in der Lage ist, sind immer präsent im Buch und führen zu wichtigen Einsichten. „Der Vater, den ich kannte, der ist lang schon gegangen. […] Aber jetzt, da er fort ist, habe ich einen ganz anderen Vater entdeckt“ (S.140). Der kindlicher werdende Denker leidet nicht ständig, er freut sich noch – nicht mehr an Versen, sondern an Schokolade. Selbstkritisch beschreibt und hinterfragt Tilman Jens sein eigenes Verhalten, sein Verschweigen der Diagnose „Demenz“ vor dem Vater.

 

Ein großer Teil des Buches ist dem Ereignis gewidmet, das zeitlich mit den ersten Sympto¬men der Demenz zusammenfällt und das der Autor auch mit ihr in Verbindung setzt: Das Bekanntwerden Walter Jens’ Parteimitgliedschaft in der NSDAP, die der glühende Demokrat und unerbittliche politische Kritiker, der sich immer wieder mit dem Thema Erinnerung beschäftigte, angibt, vergessen zu haben. Der Zweifel an der Redlichkeit seines Vaters und an den Gründen für das „Verschweigen“ lassen Tilman Jens eine Erklärung für seine Demenz und die Selbstaufgabe vermuten. Er bezeichnet dieses Verschweigen der eigenen Vergangen¬heit vor 1945 vieler Intellektueller als die „fatale Schweige-Krankheit, an der viele Köpfe zerbrachen. Mein Vater weiß heute nicht mehr, wer er ist.“ (S.89)

 

Tilmann Jens gibt in seinem sehr vielschichtigen Buch Menschen, die an Demenz, Alter und Sterbehilfe interessiert sind, viele Denkanstöße und Einblicke. Demenz kann als thematische Auseinandersetzung gelesen werden, aber auch als zeitgeschichtliches Buch über den letzten Lebensabschnitt von Walter Jens. Den Schwerpunkt bildet die Reflexion des Verschweigens von Nazi-Vergangenheiten, bei Jens, aber auch bei anderen Prominenten. Dieses Buch ist vor allem eine persönliche Auseinandersetzung mit einem konkreten und besonderen Menschen mit speziellen Problemen. Es hat nicht den Anspruch, grundsätzlich über die Situation von Dementen zu informieren und ist auch in der Reflexion nicht auf wissenschaftlich überprüfbare Wahrheiten aus. Leser müssen also abwägen, inwiefern das Beschriebene auf eigene Situationen übertragbar ist.

 

Die von Tilman Jens verwendete Sprache ist gut verständlich. Teilweise überwiegt der jour¬nalistische Stil, teilweise schreibt Jens sehr persönlich. Zuweilen ist es schwierig, die Beschreibungen zeitlich zuzuordnen. Als relativ dünnes und großzügig gesetztes Buch lässt sich Demenz schnell durchlesen.

 

Philipp Bode (freiwilliger Mitarbeiter der ZAH)

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17