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Marielene Leist: Kinder begegnen dem Tod

Erschienen 1979 im Gütersloher Verlagshaus

192 Seiten, ISBN: 3-579-00956-7 (liegt im selben Verlag auch in neueren Ausgaben vor)

 

Die Psychotherapeutin Marielene Leist will mit dem Buch Kinder begegnen dem Tod keine wissenschaftliche Arbeit liefern. Ihr Anspruch ist es, praktische Hilfe für Erwachsene im Umgang mit Kindern zu leisten, die mit dem Tod in Berührung kommen. Trotz der großen Breite des Themas und der Unmöglichkeit, Verhalten und Gefühle der Kinder in starren Prinzipien zu fassen, gelingt es ihr, diesem Anspruch zu genügen.

 

Das Buch widmet sich in 12 Kapiteln sehr verschiedenen Themen. Das erste Kapitel handelt allgemein vom gewöhnlichen und unvermeidlichen Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit und der aller Lebewesen, die jedes Kind vollziehen muss. Es führt in ein Verständnis der großen Belastung ein, die dieses Wissen für Kinder darstellt, zeigt aber auch seine Notwendigkeit.

 

In den folgenden neun Kapiteln geht es darum, wie sich der erlebte Tod anderer auf die Gefühle und die Entwicklung eines Kindes auswirken kann. Konkretere Anlässe, die einem Kind die Beschäftigung mit dem Tod aufzwingen, werden hier besprochen. Sterben und Tod eines Tieres, der Tod von Verwandten, Freunden und Gefährten sind Thema. Eigene Kapitel nehmen die speziellen Probleme ein, die jeweils der Tod von Geschwistern, der Mutter, des Vaters, beider Eltern oder sogar der ganzen Familien für das überlebende Kind bringen können. Dabei betrachtet Leist die Psyche der Kinder nicht isoliert. Oft sei es die durch den Tod und das Sterben von Angehörigen veränderte Familiensituation, Umzug, wirtschaftliche Schwierigkeiten usw., die die Bedeutung dieser Todeserfahrung für das Kind bestimmen.

 

Ein langer Abschnitt ist der umgekehrten Situation, dem Sterben des Kindes, gewidmet. Hier geht es vor allem darum, wie Eltern, Angehörige und sich Kümmernde sich dem Kind gegenüber verhalten können und sollten. Fraglos ist das Sterben eines Kindes für die Eltern und Angehörigen eine schwer auszuhaltende Belastung. Desto wichtiger scheinen Leists Hinweise darauf, wie Menschen mit dieser eigenen Belastung dem Kind begegnen können.

 

Das abschließende Kapitel widmet sich wieder eher dem Tod anderer, den ein Kind bewältigen muss. Hier geht es nun um Trauer und die Möglichkeit zu trösten. Entwicklungspsychologische Überlegungen zu Verdrängung und Rollenproblemen bilden hier einen, Trauerarbeit, Trösten und die Schwierigkeit, das Sterben zu erklären und zu verstehen, den anderen Schwerpunkt.

 

Die Inhaltsangabe zeigt die große thematische Vielfalt des Buches. Der Tod begegnet Kindern auf sehr verschiedene Weise. Leist spricht viele davon an und fügt sehr viele Fallbeispiele ein. Es wird klar, dass es trotz psychologischer Ähnlichkeiten nicht möglich ist, allgemeingültig die Bedeutung einer Begegnung mit dem Tod festzustellen, die sie für das Kind hat. Dementsprechend kann Leist keine Verhaltensmuster empfehlen. Jedes Kind reagiere auf eine Situation anders, seinem Charakter und früheren Erlebnissen entsprechend. So sei beispielsweise die Reaktion von Kindern auf Stiefeltern sehr verschieden und durch das Verhältnis zum verstorbenen Elternteil geprägt. Statt auf Handlungsmustern besteht Leist auf einem anderen Prinzip, das auch die Fülle der möglichen Situationen der Kinder thematisch vereint: Die Art, wie man mit einem Kind, das mit dem Tod in Berührung kommt, umgehen sollte, lasse sich nur mit seinem Wohl begründen. Die Betonung der Verschiedenheit der Bedürfnisse und Wünsche ist dabei wichtig. Das Buch sagt nicht, was Kindern wollen, sondern schärft die Sensibilität für die speziellen Bedürfnisse, indem es so viele mögliche Fälle beschreibt und zeigt, wie Kinder ihre Wünsche äußern können.

 

Leist betont die Wichtigkeit für Kinder, Vertrauen haben zu können. Als Grundsatz in so belastenden Situationen, wie sie beschrieben werden, erscheint dabei das richtige Abwägen zwischen Wahrheit und Schonung. Zwar bräuchten Kinder Ehrlichkeit, die Möglichkeit Abschied zu nehmen und die Chancen, aus dem Erlebten etwas zu lernen. Man dürfe sie aber zu nichts zwingen, das sie nicht verarbeiten können. Ehrlichkeit ist für Leist nicht eine blinde Konfrontation mit der Wahrheit, sondern die Bereitschaft, sie dem Kind zuzumuten, wenn es sie wissen wolle und könne. Eindeutig wendet sich Leist aber dagegen, Kindern Illusionen zu machen über die Oma im Himmel, den verreisten Vater oder eine baldige Genesung.

 

Im Grundsatz hat sich an der Modernität und Aktualität des Buches, das 1979 erstmals erschien, nach meinem Ermessen nichts geändert. Es sollte aber darauf hingewiesen werden, dass Leist bei ihrer Einschätzung von Familiensituationen, der Vater- und Mutterrollen und der geschlechtsspezifischen Entwicklung, die sie betont, von einem traditionellen Familien- und Geschlechterbild ausgeht. Heute oft anzutreffende anders strukturierte Familien, als die in ihrer Beschreibung vorausgesetzten, könnten etwa mit anderen Problemen konfrontiert sein.

 

Marielene Leist hat ein Buch geschrieben, das nicht voraussetzt, dass der Leser mit Kindern in Ausnahmesituationen umgeht, auch wenn solche beschrieben werden. Alle Kinder begegnen dem Tod. An harmloseren und schrecklichen Beispielen kann man lernen, was es heißen kann, Kinder in dieser Erfahrung ernst zu nehmen. Und genau darum scheint es ihr zu gehen.

 

Das Buch ist verständlich und meist klar geschrieben. Zuweilen benutzt Leist eine sehr emotionale Sprache, vor allem, wenn sie den Bürokratismus in Krankenhäusern und Ämtern anprangert. Die verwendeten psychologischen Fachbegriffe werden im Anhang erklärt. Die Kapiteleinteilung ist trotz der thematischen Vielfalt und der Bezüge gut nachzuvollziehen.

 

Philipp Bode (freiwilliger Mitarbeiter der ZAH)

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17