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Dorothee Sölle: Mystik des Todes. Ein Fragment

Erschienen 2003 beim Kreuz Verlag in Stuttgart

157 Seiten, ISBN: 3-7831-2322-4, gebunden.

 

 

In den letzten Jahren ihres Lebens widmete sich die deutsche Theologin Dorothee Sölle der Mystik des Todes. Das Ergebnis ist ein Fragment, ein zwar beendeter, aber merklich nie gründlich überarbeiteter Text, in dem sich die politisch und kritisch denkende Frau nicht nur buchstäblich bis zum Schluss mit ihrem nahenden Sterben befasst. In ihm bettet sie ihr Denken über den Tod auch in ihre gesellschaftskritische, feministische, diesseitige Theologie und zieht aus ihm Schlüsse, die nicht mehr direkt mit dem Sterben verbunden sind.

 

Sölles Buch verfolgt in vier Hauptkapiteln und einem Vorwort eine lose Argumentationslinie, die ihre Position nicht systematisch darlegt, sich ähnelnden Fragen aber immer wieder aus anderer Richtung und in Beziehung zu anderen Autoren nachgeht. Es geht ihr kaum um ihren eigenen Tod und die Frage nach dem Leben danach. Stattdessen denkt sie über das Diesseits nach und konzentriert sich auf ein Verständnis des Ausdrucks „ewiges Leben“, das den Tod und die Endlichkeit des Menschen nicht einfach verneint.

 

Im ersten Kapitel hinterfragt Sölle ein ihrer Meinung nach übliches Verhalten zum Tod und damit zum Leben. Sie stellt die heutigen Menschen als dem Gewinnen und Selbermachen verschriebene dar, die es gewohnt seien, ihre Grenzen zu überschreiten. Es falle folglich schwer, das Sterben als Teil des Lebens zu akzeptieren. Überhaupt verkümmere dem Menschen, dem alles möglich ist, leicht die „Fähigkeit, etwas zu erleiden. Das Leben anzunehmen, sich Grenzen zuzugeben, das Leben auch im Fragment und in der Gebrochenheit als sinnvoll zu betrachten“ (S.31).

 

Im zweiten und im dritten Kapitel versucht Sölle, in Auseinandersetzung mit anderen Theologen und Theologinnen, Dichtern und der Bibel, selbst ihre theologische Position zwischen den Extremen und Einseitigkeiten einzunehmen. Verschiedene als Gegensätze erscheinende Dinge versucht sie zusammenzuführen. Demut und Aufruhr; den Schrecken des Todes und die Fähigkeit ihn anzunehmen; die Unendlichkeit des Reichs Gottes und die Endlichkeit des Lebens. Ihre Überlegungen zieht Dorothee Sölle aus ihrer Beschäftigung mit dem Tod, der ihr für das Verhältnis des Menschen zum Leben bestimmend zu sein scheint. Sie geht dabei aber weiter und versucht, eine mystische, aber diesseitige Theologie zu umreißen, die den Menschen aus seinen Erfahrungen mit dem Tod eine Lehre macht, die sich auf alle Gebiete bezieht, wesentlich aber auf das Miteinander. Die Abkehr von einer individualistischen Deutung des Todesverhältnisses ist bemerkenswert und Sölle wichtig. Ihr geht es darum, den Egoismus angesichts des Sterbens aufzugeben, das Leben im Bewusstsein des Todes gerade als einen Weg zur liebevollen Gegenseitigkeit zu beschreiben und nicht als einsam zu bestehende Probe.

 

Die Beschreibung des Lebens des christlichen Mystikers Gerhard Tersteegen (1697-1769), das er der Nächstenliebe und „Selbsthingabe“ widmete, dient im vierten und kürzesten Kapitel als Zielpunkt ihrer Thesen. Hier zeigt Sölle, was sie sich unter einem Leben vorstellt, in dem die eigene Endlichkeit kein Schrecken mehr ist, sondern zu einer mystischen Einstellung führt, in dem man von sich selbst absehen kann.

 

Am Ende des Buches ist, „statt eines Nachwortes“, ein Gespräch zwischen Sölle und ihrem Mann aufgezeichnet und schließlich die Predigt des Gottesdienstes anlässlich ihres Todes. Sie starb kurz nachdem sie das Manuskript für Mystik des Todes beendet hatte.

 

Dieses Buch wendet sich explizit von allem ab, was die „Lügen der Tröster“ genannt werden. Dorothee Sölles mystische Theologie speist sich aus einer skeptisch-philosophischen Einstellung und politischem Nonkonformismus. Die Schmerzen der Hinterbliebenen und die Ängste der Sterbenden nimmt sie ernst und versteht Religion nicht als eine tröstende Lehre, sondern als eine bewusste Art, mit der Wahrheit zu leben. Somit richtet es sich aber auch nicht nur an Menschen, die aus einer unmittelbaren Nähe zum Tod und Sterben (skeptische) Fragen haben. Die Mystik des Todes ist vor allem ein politisch-theologisches Buch mit scharfer Gesellschaftskritik, das zu lesen sich auch für nicht religiöse Menschen lohnt.

 

Trotz der klaren und verständlichen Sprache fordert der fragmentarische und unüberarbeitete Charakter des Buches vom Leser viel Geduld, Gedankengänge und Übergänge von Kapiteln selbst nachzuvollziehen.

 

Philipp Bode (freiwilliger Mitarbeiter der ZAH)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17