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Gian Domenico Borasio: Selbst bestimmt sterben

Erschienen 2014 Verlag C.H.Beck oHG München

207 Seiten, ISBN: 978-3-406-66862-3

 

Der Deutsche Bundestag befasste sich auf Grund des gesellschaftlichen Drucks im November 2014 mit den Themen assistierter Suizid und Sterbehilfe. Es scheint, als hätte der Großteil der Bevölkerung Angst vorm Sterben, Sorge vor dem Verlust von Kontrolle und Selbstbestimmung. Aber spiegelt sich in diesen Ängsten nur die Angst vor dem Sterben an fremden Orten? Angst vor nicht zu kontrollierenden Symptomen? Angst davor, von fremden Menschen gepflegt zu werden und so möglicherweise die eigene Würde zu verlieren? Jeder Tod ist individuell und nicht jeder Tod ist mit Schmerzen, Atemnot oder Übelkeit verbunden. Die Debatte und die einhergehende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Sterben und Tod, Selbstbestimmung und Autonomie werden in Gian Domenico Borasios zweitem Buch auch aufgegriffen. Dieses Buch soll auf den Grundlagen seines ersten Buches von 2012 „Über das Sterben“ aufbauen. Die dort beschriebenen Versorgungsstrukturen der Palliativversorgung werden in „Selbstbestimmt Sterben“ durch das rechtliche Handwerkszeug ergänzt.

 

In den sieben Kapiteln des ersten Teils in diesem Buch wird auf rechtliche Begrifflichkeiten aus dem Themenbereich der Sterbehilfe in Deutschland eingegangen. Dabei soll aufgezeigt werden, welche Formen der „Hilfe beim Sterben“ strafrechtlich bedenkenlos sind und welche Formen einer strafrechtlichen Verfolgung unterliegen.

 

Der zweite Teil des Buches befasst sich in weiteren 5 Kapiteln mit den Themen Selbstbestimmung und Patientenautonomie. Diese beiden Themen sind in der Diskussion über den assistierten Suizid und die aktive Sterbehilfe immer wieder die entscheidenden Argumente. Borasio hinterfragt jedoch diese Begriffe. Sind Selbstbestimmung und Autonomie nicht genauso individuell wie das Sterben jedes einzelnen Menschen? Er beschreibt Selbstbestimmung als mehr, als nur die Freiheit der Wahl des Todeszeitpunktes (S.186). In seinem Buch geht es um gesellschaftliche Verantwortung. Nicht der schnelle Ausweg sollte das erste Ziel sein, sondern die gesellschaftliche Herausforderung, eine würdevolle Versorgung von Menschen am Lebensende zu gewährleisten.

 

Wie bereits im vorausgegangenen Buch schreibt Borasio in einer Art und Weise, die auch Laien leicht zugänglich ist. Theoretischen Grundlagen werden auf wunderbare Art mit beeindruckenden Fallbeispielen untermalt, die dieses Thema umso dichter an den Leser heranlassen. Auch dieses Buch ist im Bereich zwischen Sach- und Fachliteratur einzuordnen und sollte ebenso wie der Vorgänger zur Standardlektüre aller gehören, die im Bereich von Hospiz- und Palliativversorgung arbeiten.

 

 

Matthias Kühne

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17