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Simone de Beauvoir (1908 -1986): Ein sanfter Tod

Ein sanfter Tod, dt. Übersetzung Paul Mayer, Taschenbuch Ausgabe, Rowohlt Verlag, Reinbeck

Une mort très douce, Éditions Gallimard, Paris 1946

 

Jean Paul Sartre hielt "Ein sanfter Tod" für das beste literarische Werk seiner Lebensgefährtin

Simone de Beauvoir. Die französische Philosophin, politische Aktivistin und Schriftstellerin setzt

sich in diesem autobiographischen Werk auf eindrucksvolle Weise mit dem Sterben ihrer Mutter

auseinander und nähert sich damit einem essentiellen Thema menschlichen Seins.

 

Die 77-jährige Françoise de Beauvoir bricht sich durch einen Sturz in ihrer Wohnung den

Schenkelhalsknochen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Im Zuge einer bald darauf

durchgeführten Operation wegen Verdacht auf Bauchfellentzündung, entdecken die Ärzte eine weit

fortgeschrittene Krebserkrankung, die der Patientin bis zum Schluss verschwiegen wird.

 

Mit äußerster Genauigkeit und eindringlicher Sprache schildert de Beauvoir die Ereignisse.

Nüchtern und analytisch versucht sie, die in ihr aufsteigende Verzweiflung über den körperlichen

Verfall einer Frau zu verarbeiten, die ihr unweigerlich nahe steht, deren Persönlichkeit und

Verhalten sie ein Leben lang prägten, von der sie sich als Heranwachsende jedoch zunehmend

entfremdet hatte.

 

Rückblickend beschreibt die Autorin ihre Mutter als herrisch gegenüber ihren Kindern, schwach

gegenüber ihrem Mann, lebensfroh und zugleich ewig frustriert durch die Einhaltung katholischer

sowie selbst auferlegter Verbote und Konventionen. Gemessen an der Entstehungszeit des

Buches beeindruckt die aufrichtige aber niemals respektlose Darstellung der emanzipierten

Tochter.

 

Durch die nächtliche Wache am Sterbebett wird die kühle Denkerin jedoch zunehmend milder und

nachsichtiger gestimmt, ihre Beschreibungen intensivieren sich: „Die Augen waren in ihrem

ausgedörrten Gesicht riesengroß geworden; sie sperrte sie auf, ließ sie starr werden; mit einer

gewaltigen Anstrengung entriß sie sich ihrer Versunkenheit, um wieder an die Oberfläche jener

Seen aus schwarzem Licht zu kommen; sie musterte mich mit dramatischer Eindringlichkeit, als

hätte sie gerade die Kunst des Blickens erfunden.“ Die Kämpfe der Vergangenheit spielen keine

Rolle mehr, die Mutter bedarf des seelischen Beistands ihrer Familie im routinierten Räderwerk

eines wenn auch vornehmen Krankenhausbetriebes, das über den Zeitpunkt ihres Endes

entscheiden wird.

 

Anja Scharruhn (freiwillige Mitarbeiterin der ZAH)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17