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Siegfried Lenz: Der Verlust

Hoffmann und Campe Verlag

Hamburg 1981

 

In seinem Roman „Der Verlust“ von 1981 erzählt Siegfried Lenz von zwei Menschen, die sich lieben und deren Verhältnis sich aufgrund eines Schicksalsschlags neu konstituieren muss. Der Reiseführer und Lebenskünstler Ulrich Martens erleidet aus heiterem Himmel einen Hirnschlag und verliert die Fähigkeit, sich sprachlich zu artikulieren. Im Zuge der Therapie muss er erkennen, wie es ist, von Anderen abhängig zu sein und sich sein bewusst provisorisch gestaltetes Leben unvermittelt verändert.

 

Bei seiner Freundin, Nora Fechner, löst das Miterleben der Katastrophe etwas aus, dem sie zunächst nicht gewachsen ist. Schon einmal musste sie mit ansehen, wie der Mann, den sie liebte, an einer schweren Krankheit zugrunde ging. Unschlüssig und passiv bringt sie es zunächst nicht über sich, ihren Partner, der sich nichts sehnlicher wünscht als ihre Gegenwart, im Krankenhaus zu besuchen.

 

Mit effektvollen Stilmitteln erzählt der Schriftsteller eine einfache Geschichte und ist dadurch unverwechselbar. So werden die Nebenfiguren vor allem in ihrer äußerlichen Erscheinung skizziert „...aus dem Fruchtkeller wurde telefonisch Herr Beutin herbeigerufen, ein krummer, bescheidener Mann, dessen hervorstehende Augen seinem Blick etwas beständig Fragendes gaben.“ (S. 84), die Protagonisten hingegen fast ausschließlich über ihr Gefühlsleben entwickelt „Während der Arzt ihr freimütig den Befund erläuterte, spürte Nora zunehmenden Druck auf den Schläfen, ihr Atem beschleunigt sich, sie hatte das Gefühl, dass ihr einige Sätze entgingen, und sie sah sich neben Uli in schnell wechselnden Bildern...“. (S. 127)

 

Der Spannungsfaden wird bis zuletzt aufrecht erhalten durch das Zusammenspiel von Aktiv und Passiv, körperlicher Einschränkung auf der einen Seite und mentaler Blockade auf der anderen

 

Fließende Beschreibungen, wiederkehrende Leitmotive und eingestreute Stimmungsbilder aus der BRD Ende der 70er Jahre erzeugen eine atmosphärische Dichte, die noch nachwirkt, wenn man das Buch längst aus der Hand gelegt hat.

 

Fazit: Absolut lesenswert!

 

(Anja Scharruhn ehrenamtlich für die ZAH)

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17