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John Baley: Elegie für Iris

Dt. Originalausgabe: Verlag C.H. Beck, München 2002

aus dem Englischen von Barbara Royan-Deyk

Neuauflage beim Deutschen-Taschenbuch-Verlag 2002, 9,50 EUR, ISBN: 3-423-12946-8

 

In diesem (auto)biographischen Roman erzählt der Englischprofessor John Baley die Geschichte seiner Ehe mit der berühmten Philosophin und Ausnahmeschriftstellerin Iris Murdoch, die gegen Ende ihres Lebens an Alzheimer erkrankte. Baley portraitiert das gemeinsame Leben thematisch von der ersten Begegnung bis zu den täglichen Ritualen eines hochbetagten Ehepaars, ohne den krankheitsbedingten geistigen Verfall der einst so charismatischen und brillianten Iris Murdoch zu verhehlen oder besonders hervorzuheben.

Mit Respekt, Verehrung und inniger Verbundenheit zeichnet er das aus seiner Sicht wahrhaftige Bild einer Künstlerin und Ehefrau, sicherlich als bewussten Gegenentwurf zu der 2003 veröffentlichte Darstellung „Iris Murdoch as I Knew Her“ des Schriftstellers A.N. Wilson, in der sie als betrügerisch, rücksichtslos und notorisch untreu beschrieben wurde.

 

Aus literarischer Sicht mangelt es der Elegie ein wenig an Höhepunkten aus dem Oxfordschen Gelehrtenmilieu. An dem schnörkellosen, souveränen Stil des kultivierten Literaturprofessors gibt es nichts zu beanstanden, dennoch beginnt man bald die schöpferischen Elemente der Sprache zu vermissen und darüber nachzudenken, wie es wäre, die spannenden Romane seiner Hauptperson zu lesen.

 

Angehörigen eines Alzheimer-Patienten hingegen kann dieses Buch möglicherweise neue Perspektiven im Hinblick auf den Umgang mit Tragik und Komik, Verlust und Trauer eröffnen. Schließlich handelt es sich um eine enorme psychische Herausforderung, einem geliebten Menschen bis zum Schluss zur Seite zu stehen, dessen Ausdrucksvermögen schwerwiegend beeinträchtigt ist, der unter panischer Angst leidet und nur noch einem Schatten seiner selbst aus vergangenen Tagen gleicht.

„Wenn sie von einem Bewunderer oder Freund gefragt wird, einen ihrer Romane zu signieren, betrachtet sie das Buch voll freudiger Überraschung, ehe sie dann mühsam ihren Namen und, wenn sie kann, den des anderen schreibt (...) – sie braucht einige Zeit, aber die Buchstaben sind noch immer sorgfältig geschrieben und ähneln auf surreale Weise ihrer alten Handschrift. Sie ist immer bestrebt, anderen gefällig zu sein. Und die alte Sanftmut ist geblieben.“

 

Künstler/Quelle:

John Bayley wurde 1925 in Indien geboren, absolvierte Eton und Oxford und diente im Zweiten Weltkrieg bei den Grenadier Guards. 1955 wurde er Fellow des New College in Oxford und unterrichtete Englisch. Seit seiner Ernennung zum Professsor am St. Catherine´s College im Jahre 1973, veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen zu den Klassikern der englischen Literatur sowie eigene Romane und Kurzgeschichten. Er lebt in Oxford.

 

Iris Murdoch studierte Geschichte und Philosophie an der Universität Oxford, später promovierte sie bei Ludwig Wittgenstein in Philosophie an der Universität Cambridge. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann 1954 mit dem Roman „ Under the Net“, nachdem sie zuvor schon philosophische Abhandlungen veröffentlicht hatte, u.a. die erste englischsprachige Studie über Jean-Paul Sartre. Murdoch erhielt 1978 den Booker Prize für „The Sea, the Sea“ und wurde 1987 zur „Dame of Empire“ geadelt. 1999 starb sie nach langer Krankheit im Alter von 79 Jahren.

 

Von Anja Scharruhn (ehrenamtlich für die ZAH)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17