Unionhilfswerk Zentrale Anlaufstelle Hospiz
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Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

München 2005

92 Seiten

 

Frau Alice steht wie jeden Morgen, geweckt vom Duft des Kaffees, den ihr Mann Jules kocht, auf. Doch entgegen der Gewohnheit Jules, sie am Frühstückstisch zu erwarten, trifft sie ihn diesen Morgen sitzend auf dem Sofa an. Alice spricht zu ihm, doch er antwortet nicht. Jules ist tot.

 

Der Roman erzählt vom Umgang Frau Alices mit dem plötzlichen Tod ihres Mannes. Anfangs scheint alles erstmal so weiterzugehen, als ob Jules noch lebte und sie nur einen weiteren gemeinsamen Tag miteinander verleben würden. Sie holt die Zeitung, aus der Jules ihr immer nach der Morgentoilette vorgelesen hat, und legt sie ihm auf den Schoß. Sie macht sich ein Frühstücksbrot und trinkt ihren Kaffee. „Jules würde erst dann wirklich tot sein, wenn sein Sterben bis ins Mark zu ihr durchgedrungen war.“ Als ihr der Gedanke kommt, dass sie ihren Sohn und auch einen Arzt informieren müsste, weiß sie, dass sie dazu noch nicht bereit ist. „Sie würden Alice trösten, noch bevor sie sich selbst getröstet hätte.“ Erst will sie von ihrem Mann Abschied nehmen, ihn einmal noch „unter vier Augen sprechen, ihm alles erzählen, was er noch wissen musste.“ Sie setzt sich neben ihn, spricht mit ihm, berührt ihn. Erinnerungen werden wach, die Frau Alice ihrem Jules erzählt. Nie-Ausgesprochenes breitet sie vor ihm aus und ist wie erlöst, ihm endlich alles gesagt zu haben. „Jules war im Verlauf des Tages in sie hineingeströmt. Alles, was nicht vergessen werden durfte, was sie beide in guten wie in schlechten Zeiten verbunden hatte, hatte sie in ihrem tiefsten Innern gespeichert.“

 

Doch ganz allein kann sie diese Zeit nicht mit ihrem Mann verbringen. Wie jeden Vormittag zur gleichen Zeit kommt der Nachbarsjunge, David, vorbei, um mit Jules eine Schachpartie zu spielen. Gerade am heutigen Tag bittet Davids Mutter Frau Alice, ob er länger bleiben könne, da sie sich im Krankenhaus um ihre verunglückte Mutter kümmern müsse. Und David braucht die Aufsicht anderer, er ist Autist. So kommt es, dass Frau Alice und David viele Stunden miteinander bei Herrn Jules verbringen. Dabei wird David für sie nicht jemand, der sie in ihrer Trauer stört, sondern in dem sie sogar durch seine bloße Anwesenheit Halt findet. „Sie sehnte sich nach einem ganz normalen Tag mit Fixpunkten, David inbegriffen. Es würde ihr helfen, Ruhe zu bewahren und die Wirklichkeit zu akzeptieren. Jede Stunde eine genau bemessene Dosis.“

 

Der Leser spürt, dass über Alice, als sie am Ende des Tages erschöpft ist und zu Bett geht, ein gewisser Friede gekommen ist. Sie hat die langjährige Beziehung mit ihrem Mann noch einmal Revue passieren lassen und Ungeklärtes, aber auch Erinnerungen wachgerufen und ausgedrückt - in „Anwesenheit“ ihres Mannes. „Der Kern seines Wesens war im Laufe des Tages in ihr aufgegangen ... Es war ein Teil von ihr geworden. Kein Bestattungsunternehmer, Notar oder Pastor, der ihn noch von ihr trennen konnte.“

 

Die flämische Autorin Diane Broeckhoven (1946 in Antwerpen geboren) erzählt diesen Roman in recht nüchterner Sprache, unaufgeregt, aber dennoch feinfühlig. Vielleicht deswegen gelingt es ihr, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Der Tod wird nicht als Grund zur Verzweiflung geschildert, sondern als eine natürliche Stufe im Leben, sowohl des Verstorbenen als auch der Hinterbliebenen. Besonders zugespitzt findet diese Einstellung ihren Ausdruck in der Figur des David. (Sind Autisten möglicherweise die besten Trauerbegleiter?) Gerade aus dieser Haltung der Autorin entspringt auch die „Botschaft“ des Romans: die Ermutigung, auch nach dem plötzlichen Tod eines geliebten Menschen in sich selbst hineinzuhören, sich die Zeit zu geben, auf je eigene Art Abschied zu nehmen.

 

Der Roman ist sehr geeignet für Leser, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden und sich dieser neuen Stufe ihrer Beziehung zu dem verstorbenen Partner stellen wollen und können.

Leser, die nicht auf einen Alltag mit einem Partner zurückblicken können, sollten aber überlegen, ob durch diesen Roman nicht sogar das, was sie sich möglicherweise immer gewünscht und vermisst haben, eher in den Vordergrund rücken und dadurch ihre Trauer sogar verstärken könnte.

 

Werkauswahl: Auf Wiedersehen, Vogelkind (1990), Braun ohne Sonne (1997), Tage mit Goldrand (1999), Einmal Kind, immer Kind (2005), Eine Reise mit Alice (2007), Herrn Sylyains verschlungener Weg zum Glück (2008)

 

Jutta Lode (in ehrenamtlicher Tätigkeit für das Unionhilfswerk, Zentrale Anlaufstelle Hospiz)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17