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Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Carl Hanser Verlag München 2011

 

Dieses Buch könnte sich richten an die Unheilbeschwörer, die die gesellschaftliche Debatte zum Thema Demenz immer noch sehr einseitig anheizen.

In diesem Buch wird aufgezeigt, dass es auch anders sein kann, dass im Fall einer Demenzerkrankung eines Angehörigen sogar etwas Neues möglich ist – ein Vergessen der alten Konflikte und ein ganz neues Zusammensein, dass wiederum unvergessen sein kann.

 

Arno Geiger beschreibt in seinem Buch einen Lebenden, seinen Vater. Es gibt drei Abschnitte. Im ersten erfolgt die Beschreibung einer Familie, die nach den Wirren eines Krieges Schwierigkeiten hat, ein ganz „normales“ Leben zu führen. Der Autor beschreibt die Mechanismen, die dabei helfen sollten, die aber vielleicht auch hinderlich waren, tiefer gehende Beziehungen einzugehen.

Im zweiten Abschnitt beschreibt er die intensive Pflege des an Demenz erkrankten Vaters durch die Familienangehörigen.

Diese werden lernen, ein Gespräch mit ihm zu führen, das andere Fähigkeiten braucht. Es werden Jahre vergehen bis die Angehörige verstehen, was heimgehen, was nach Hause gehen für den Vater heute bedeutet. Sie müssen ihm nicht mehr „erklären“, dass er ja schon zu Hause ist, sondern lernen, dass das Zuhause, gar nicht von dem Haus abhängt….sondern ein Ort der inneren Geborgenheit, des Stillstehens, des Trostes sein kann. Es ist der Ort auf den der Vater zusteuert, der mit „normalen“ Worten auch im „normalen“ Leben schwer zu erklären ist.

Die Familie pflegt den Vater bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich eingestehen muss, dass sie die Pflege zu Hause nicht mehr leisten kann und will. Das Heim ist für alle Beteiligten eine zufriedenstellende Lösung. Endlich ist die Zeit, in der sie nicht mehr zur Ruhe kamen, ständig in der Angst lebten, was als nächstes käme, zu Ende. „Ein Eingestehen einer Niederlage kann ein Erfolg sein.“

Der Autor erlebt in einem dritten Abschnitt plötzlich ein ganz neues Zusammensein mit dem Vater, eine ganz neue Beziehung und er erhält Gelegenheit über sich und seine Endlichkeit neu nachdenken. „Der Platz auf den der Vater das Haus gestellt hat, wird von anderen bewohnt werden. Jemand wird die Geschichten, die ich erzähle, weitererzählen…“ Und er genießt sehr bewusst die Zeit, die ihm und seinem Vater jetzt noch bleibt und gibt dem Leser Anteil daran.

 

Das Buch rührt an, redet nichts schön und macht Mut, die eigenen Aufgaben anzunehmen und die eigenen Beziehungen so zu gestalten, dass alle Beteiligten sich entwickeln können.

 

Fazit: Heim ist nicht gleich Heim.

 

(HaHe)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17