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André Gorz: Brief an D., Geschichte einer Liebe

Rotpunktverlag 2007

(Éditions Galiliée 2006)

 

Der Sozialphilosoph und Schriftsteller André Gorz rekapituliert in seinem letzten, sehr bewegenden Werk das gemeinsame Leben mit seiner Ehefrau Dorine. Zum Entstehungszeitpunkt dieser Liebeserklärung in Briefform ist Dorine aufgrund von Arachnoiditis und Gebärmutterhalskrebs schwerkrank, sie hat chronische Schmerzen und kämpft gegen den Tod. „Bald wirst du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert (...)“.

 

Gorz hat sich aus seinen beruflichen Verpflichtungen zurückgezogen, um die verbleibende Zeit mit seiner großen Liebe und intellektuellen Partnerin ganz bewusst zu gestalten. Er bemüht sich, das Zurückliegende auf Papier zu bringen. Noch einmal beschreibt er das ganze Gefühlsspektrum von Verbundenheit der ersten Stunde, Verliebtheit, Selbstzweifel und Selbsterkenntnis bis hin zu gegenseitiger Vervollständigung: „Mir war bewusst, dass ich Dich brauchte, um meinen Weg zu finden; dass ich nur dich lieben konnte (...).Ich hatte des Eindruck, mit dir eine geschützte und beschützende Welt zu errichten.(...)“

 

Da bekannt ist, dass sich Gorz nach Fertigstellung des Buches gemeinsam mit seiner Frau das Leben nahm, wiegt das Thema schwer und lässt dem Leser kaum Spielraum, das schriftstellerische Zeugnis als solches zu erkunden. Wer schnell Tränen vergießt, an Liebeskummer leidet oder die Intimsphäre eines fremden Paares nicht ausreichend interessant findet, sollte das Buch lieber nicht in die Hand nehmen. Allen anderen sei es wärmstens empfohlen.

 

Internet

Siehe Nachrufe von Jürg Altwegg, FAZ, 24.09.07 oder Elisabeth v. Thadden, DIE ZEIT, 27.09.2007

 

Künstler/ Quelle

André Gorz (1923-2007) wurde 1923 als Gerhard Horst in Wien geboren. Er war das Kind einer jüdisch-katholischen Familie. Die Kriegsjahre verbrachte er als Flüchtling in einem Schweizer Internat, nach Kriegsende folgte er Jean Paul Sartre nach Paris, wurde Mitherausgeber der Zeitschrift „Les Temps modernes“ und nach materiell schwierigen Jahren Redakteur beim „Nouvel Observateur“. Zu seiner frühen Autobiographie „Der Verräter“ von 1958 schrieb Sartre ein euphorisches Vorwort. Gorz’ Schriften „Abschied vom Proletariat" (1980) und "Wege ins Paradies - Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit" (1984) wurden zu Kultbüchern der ökologischen Linken.

 

(Anja Scharruhn ehrenamtlich für die ZAH)

 

 
 
 
Letzte Änderung: 07.03.17