 | Film: Liebe (Amour) |
Liebe (Amour)
Regie: Michael Haneke, F/A 2012
Seit 20.9.2012 im Kino
Es beginnt mit dem Ende. Die Tür eines Pariser Apartments wird aufgebrochen. Feuerwehrbeamte treten durch lange Flure und weitläufige Zimmer. Überall sind die Türen und Fenster geöffnet. Und die Wohnung steht leer. Scheinbar: Denn eine Tür ist fest verschlossen, und hinter der liegt eine Tote, mit Blumen aufgebahrt. Die Atemmasken der Beamten lassen erahnen, dass sie hier schon eine Weile liegt.
Dass am Ende jemand tot ist, darum geht es also nicht in Michael Hanekes neuestem Film-Werk „Liebe“, mit dem er auf dem diesjährigen Festival in Cannes erneut, nach „Das weiße Band“ (2009), die Goldene Palme gewonnen hat.
Die Protagonisten dieser sehr einfühlsamen und einfachen Geschichte sind Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant). Seit langem verheiratet, beide um die 80, aber sie kommen noch gut zurecht: vor allem miteinander. In wenigen Einstellungen zeigt Haneke nicht nur die Vertrautheit der beiden beim gemeinsamen Opernbesuch, sondern auch ihren Lebensmittelpunkt: die Musik. Alles ist unbeschwert. Scheinbar.
Kleine Irritationen wie die Spuren eines Schraubenziehers an der Haustür zeugen vom versuchten Eindringen des Fremden. Und immer wieder versucht Äußeres in das Innere der gemeinsamen Wohnung, in der fast der gesamte Film spielt, einzutreten: als Bedrohung im Traum, als Belästigung in Form einer aufdringlichen Krankenschwester, als bald als bevormundend erlebter Kontrollbesuch der Tochter Eva (Isabelle Huppert), aber auch als Hoffnung durch den Besuch eines ehemaligen Klavierschülers Annes – oder durch die herein geflogene Taube am Ende.
Das eigentlich Bedrohliche indes tritt nicht von außen, sondern mitten zwischen beiden Ehepartnern herein: als Krankheit und, in Folge, als Leiden Annes. In Etappen.
Nach einer missglückten Operation an der Halsschlagader ist sie rechtsseitig gelähmt und sitzt fortan im Rollstuhl. Später erleidet sie einen erneuten Schlaganfall, der ihr das Sprechen unmöglich macht, ihr die Orientierung im Leben nimmt und sie verstört - ängstlich zurücklässt.
Darum geht es auch: um das Alter und Sterben. Aber vor allem darum, „Wie“, so Haneke, „ertrage ich, und wie ertrage ich nicht das Leiden des Menschen, den ich liebe.“
„Liebe“, so der Titel des Werkes, ist kein herkömmlicher Liebesfilm: mit Sentimentalität, Flirts und Erotik. „Liebe“ ist ein Film, der versucht, die Sprache der Liebe neu zu definieren: fernab von Worten. Und um die Krankheit und das Leiden werden im Folgenden auch keine großen Worte verloren.
Haneke zeigt Liebe durchs Handeln: beim täglichen Umgang Georges mit Anne - in Etappen.
Sehr genau wird gezeigt, was da geschieht: das Füttern, das Tragen vom Rollstuhl hin zum Klo oder Sessel, das Waschen, die Beingymnastik. Aber die Vorgänge verharren nicht im bloß Dokumentarischen.
Mit zunehmender Krankheit werden die Handlungen und Gesten kleiner, aber die Sprache der Liebe deutlicher: wenn Georges Annes Hand streichelt, um sie zu beruhigen, sie gemeinsam „Sur le pont d`Avignon“ singen oder er sie einfach zärtlich ansieht. Und diese Zärtlichkeit ist es, die das Spiel Jean-Louis Trintignants seit Jahrzehnten unverwechselbar und ihn und Emmanuelle Riva zu einem unverwechselbaren Paar auf der Leinwand macht.
Der Film ist in vielerlei Hinsicht ein typisches Werk Hanekes. Er erzählt in langen Einstellungen, in oft geschlossenen Räumen (mit geschlossenen Türen und Fenstern) von einer Enge, in der sich etwas anstaut: in der Spannung entsteht. Doch hier führt diese Enge, auf für Haneke recht untypische Weise, zur Weite: durch – ja, die Liebe.
Was bleibt? Wohl die Erinnerung: in Form von Fotos, Liedern, Kindheitsgeschichten, gemeinsamen Erlebnissen, und immer wieder – Musik. Dabei lässt Haneke Vergangenes und Gegenwärtiges ineinander fließen: etwa, wenn Georges im Wohnzimmer Eva scheinbar beim Klavierspiel zusieht und dieses Spiel aber letztlich aus dem Radio kommt.
Schmerzlich sind die Erinnerungen Evas, die nicht nur zusehen muss, wie sich ihre kranke Mutter bis fast zur Unkenntlichkeit verändert, sondern auch, dass sie keine Sprache mehr zu ihr findet.
Und das scheint hier die Liebe zu sein, das sich Einlassen und Aushalten dessen, was noch geblieben ist. Ruhig. Scheinbar: Denn auch Georges verliert mal die Kontrolle.
Ziemlich zu Beginn des Films, Anne sitzt bereits im Rollstuhl, äußert sie den Wunsch zu sterben: im Wissen, dass es immer schlechter werden wird mit ihr. Und auf die Frage nach Georges` Meinung antwortet der: „Was tätest du an meiner Stelle?“
Nun ja, Liebe ist denn wohl auch, die Entscheidung des anderen zu ertragen: mit aller Konsequenz.
David Lode ehrenamtlich für die ZAH
 | Der Verlust |
Siegfried Lenz: Der Verlust
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1981
In seinem Roman „Der Verlust“ von 1981 erzählt Siegfried Lenz von zwei Menschen, die sich lieben und deren Verhältnis sich aufgrund eines Schicksalsschlags neu konstituieren muss. Der Reiseführer und Lebenskünstler Ulrich Martens erleidet aus heiterem Himmel einen Hirnschlag und verliert die Fähigkeit, sich sprachlich zu artikulieren. Im Zuge der Therapie muss er erkennen, wie es ist, von Anderen abhängig zu sein und sich sein bewusst provisorisch gestaltetes Leben unvermittelt verändert.
Bei seiner Freundin, Nora Fechner, löst das Miterleben der Katastrophe etwas aus, dem sie zunächst nicht gewachsen ist. Schon einmal musste sie mit ansehen, wie der Mann, den sie liebte, an einer schweren Krankheit zugrunde ging. Unschlüssig und passiv bringt sie es zunächst nicht über sich, ihren Partner, der sich nichts sehnlicher wünscht als ihre Gegenwart, im Krankenhaus zu besuchen.
Mit effektvollen Stilmitteln erzählt der Schriftsteller eine einfache Geschichte und ist dadurch unverwechselbar. So werden die Nebenfiguren vor allem in ihrer äußerlichen Erscheinung skizziert „...aus dem Fruchtkeller wurde telefonisch Herr Beutin herbeigerufen, ein krummer, bescheidener Mann, dessen hervorstehende Augen seinem Blick etwas beständig Fragendes gaben.“ (S. 84), die Protagonisten hingegen fast ausschließlich über ihr Gefühlsleben entwickelt „Während der Arzt ihr freimütig den Befund erläuterte, spürte Nora zunehmenden Druck auf den Schläfen, ihr Atem beschleunigt sich, sie hatte das Gefühl, dass ihr einige Sätze entgingen, und sie sah sich neben Uli in schnell wechselnden Bildern...“. (S. 127)
Der Spannungsfaden wird bis zuletzt aufrecht erhalten durch das Zusammenspiel von Aktiv und Passiv, körperlicher Einschränkung auf der einen Seite und mentaler Blockade auf der anderen
Fließende Beschreibungen, wiederkehrende Leitmotive und eingestreute Stimmungsbilder aus der BRD Ende der 70er Jahre erzeugen eine atmosphärische Dichte, die noch nachwirkt, wenn man das Buch längst aus der Hand gelegt hat.
Fazit: Absolut lesenswert!
(Anja Scharruhn ehrenamtlich für die ZAH)
 | Veronika beschließt zu sterben |
Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben
Diogenes Verlag Zürich 1998
Wer in sich den Drang verspürt, die Innenwelt eines psychisch erkrankten Menschen kennen und besser verstehen zu lernen, wird dieses mitreißend geschriebene Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Das Buch von Paulo Coelho, der selbst die Psychiatrie von „Innen“ erlebt hat, eignet sich nicht nur für Menschen, die unter einer seelischen Erkrankung leiden sowie deren Angehörige. Auch für Profis, die im psychiatrischen Bereich tätig sind, kann dieser Perspektivwechsel zu einem ganz neuen Verständnis ihrer Patienten und ihrer eigenen Tätigkeit verhelfen.
Selbst in ihrer vermeintlichen Todesstunde lässt sich Veronika, die Protagonistin des Buches, zu etwas hinreißen, was sie bislang gar nicht interessierte: Sie liest einen öden Artikel in einer Zeitschrift. Ihr Leben erscheint ihr schon immer als langweilig und uninteressant. Sie hat eben stets nur auf das reagiert, was ihr begegnet war. Eigene Ideen kann sie nicht verwirklichen, weil sie gar keine hat. Sogar in der Zeit bis endlich ihr Tod eintreten soll, verspürt sie Langeweile. Das Leben scheint ihr nicht lebenswert, deshalb will sie es mit Hilfe von Tabletten beenden. Doch ihr Suizidversuch misslingt und stattdessen führt sie ihr Weg in eine Klinik.
Paolo Coelho beschreibt die Geschichte von Menschen, die sich aus den verschiedensten Gründen in der psychiatrischen Klinik Vilette aufhalten. Die meisten haben sich an diesen Ausnahmezustand gewöhnt und entfernen sich hinter sicheren Mauern immer mehr vom Leben „draußen“. Der behandelnde Arzt, zum Glück kein frustrierter Psychiater, hat seine ganz eigene Ansicht über die Behandlung seiner Patienten. Veronikas Schicksal zeigt beispielhaft, was Menschen brauchen, um in ihrem Leben wieder einen Sinn zu sehen und welchen Weg sie beschreiten, um dorthin zu kommen. Dr. Igor hat „Mittel“, Menschen zu helfen, ihren Lebenswillen wieder wachsen zu lassen. Was den Arzt allerdings sehr überrascht, ist die ansteckende Wirkung der Heilung: Veronikas Bewusstsein eines langsam und unaufhaltsam herannahenden Todes erschreckt viele ihrer Mitpatienten. Durch sie begreifen sie, was auch ihnen entgeht. Durch diese Erkenntnis beginnen sie, ihr eigenes Leben zu überdenken.
Dieses warmherzige, in einfachen Sätzen geschriebene Buch kann Lesern dazu dienen, die Welt aus den Augen seelisch erkrankter Menschen nachvollziehbar zu erleben, und darüber hinaus eigene Hindernisse im Leben zu entdecken und abzubauen.
Fazit: Berührend!
(HaHe)
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